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"Studie wissenschaftlich nicht fundiert"

Letzte Aktualisierung: 20. Juli 2019

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Ein moderner Kunstrasen besteht aus fünf elementaren Komponenten.

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts aus dem Jahr 2018 hat vor wenigen Wochen für helle mediale Aufregung gesorgt und Verwirrung bei potenziellen Bau-Interessenten ausgelöst. Demnach seien Kunstrasenplätze eine der Hauptquellen für Mikroplastik in der Umwelt.

Klaus Drescher: Die Art, wie diese Diskussion geführt wird, verstehe ich bis heute nicht. Alle sprechen von Klimaveränderung und davon, dass beispielweise Mikroplastik unsere Weltmeere belastet. Ich will das auch gar nicht kleinreden. Im Gegenteil: Das ist eine ernste Angelegenheit. Aber ich würde gerne eine auf Fakten basierende Diskussion führen. Beim Kunstrasen zum Beispiel war eine europaweite Studie des Fraunhofer-Instituts der maßgebliche Auslöser der Debatte. Inzwischen hat Fraunhofer zugegeben, dass die Studie wissenschaftlich nicht ausreichend fundiert sei und auf Schätzungen basiere. Experten und Fachleute kommen auf ein Zehntel des von Fraunhofer für Deutschland kolportierten Wertes an ausgetragenem Granulat. Die mediale Diskussion wird erstaunlicherweise nahezu ausschließlich in Deutschland geführt, obwohl wir bereits seit 1993 eine verpflichtende Norm hierzulande haben. Die gibt eine Bauweise mit elastischer Schicht und fünf Kilogramm pro Quadratmeter Einfüllgranulat vor. Von daher sind die Mengen, die die Studie annimmt, technisch in Deutschland so gar nicht möglich. Wer diese Vorgaben nicht einhält, bekommt bei uns in Deutschland übrigens auch keinerlei Zuschüsse. Und da sind wir schnell bei dem Punkt, dass hier länderübergreifend Dinge angenommen werden, die bei uns in Deutschland fernab von strengen Vorschriften und etablierter Praxis sind. Ein deutscher Kunstrasen ist nicht annähernd vergleichbar mit einem in Italien, Spanien oder etwa in Griechenland. Bei günstigen Kunstrasensystemen im Ausland werden oft noch immer recycelte Autoreifen verwendet. Wir setzen auf moderne Kunststoffgranulate mit einem hohen Anteil an natürlichen Füllstoffen. Darüber hinaus haben wir die Pflicht, eine elastische Schicht einzubauen. Sie verhindert unter anderem, dass Granulat vom Platz etwa in den Boden, geschweige denn ins Grundwasser gelangt.

Wie erklären Sie sich die Studie?

Drescher: Meines Erachtens genügt ein Blick in die Unterlagen. Da ist klar zu sehen, wer die Studie zu einem nicht unerheblichen Teil mitfinanziert hat.

Nämlich?
Drescher: Beispielweise die Kosmetik-Industrie. Aktuell ist von deren umwelttechnischen Problemen, wenn wir an all die Zusätze, die ins Abwasser gelangen, denken, nichts zu hören. Aber das muss jeder für sich einordnen. Ich habe dazu eine klare Meinung.

BFV-Standpunkt zum Thema Mikroplastik auf Kunstrasenplätzen

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Klaus Drescher kritisiert die Studie des Fraunhofer-Instituts scharf.

Trotzdem gibt es Rufe nach einem generellen Verbot für Kunstrasen?
Drescher: Nein, zumindest nicht auf EU-Ebene. Hier geht es lediglich um das Gummigranulat. Aber der ein oder andere Lokalpolitiker, der sich nicht ausreichend informiert hat, fordert ein solches Verbot. Das macht die Diskussion gerade für uns als Hersteller nicht einfacher. Fakt ist: Die europäische Chemikalienagentur (ECHA) hat das Granulat-Verbot zumindest ins Spiel gebracht, aktuell läuft das Anhörungsverfahren - spätestens jetzt müssen wir in Deutschland unsere Position vertreten und deutlich machen, dass wir höchste Umweltstandards einhalten. Würden diese auch für ganz Europa gelten, hätten wir die Diskussion heute gar nicht. Davon bin ich überzeugt. Aber wir in Deutschland diskutieren, obwohl wir ja der Vorreiter in punkto umweltschonender Technologien sind. Das ist schon merkwürdig, vielleicht auch typisch für uns und unsere Gesellschaft. Aufgrund der ständig steigenden Anforderungen und fortschreitender Entwicklungen ist die Menge an Infill-Granulaten in deutschen Kunstrasensystemen in den vergangenen Jahren bereits drastisch auf bis zu einem Fünftel der ursprünglichen Menge gesenkt worden. Wir setzen hierzulande überwiegend speziell entwickelte Gummigranulat-Mischungen ein, die zu 30 Prozent aus Kunststoff und ansonsten aus natürlichen Füllstoffen wie zum Beispiel Kreide bestehen. Erlauben Sie mir eine Frage an die Lokalpolitiker, die den Kunstrasen komplett verbieten wollen: Was machen wir dann? Wohin mit den Sportlern, Kindern und Jugendlichen? Der Kunstrasen arbeitet sozusagen enorme Kapazitäten ab, Strapazen, die ein natürlicher Rasen nie und nimmer in dieser Intensität aushält. Er braucht kaum Wasser, keine Chemie als Dünger oder Unkrautvernichter. Diese Argumente gehen in der Diskussion völlig unter - wir müssen auf unsere Standards und die hohe gesellschaftliche Relevanz mit gebündelten Stimmen hinweisen. Das beginnt beim Städte- und Gemeindetag und endet bei den Sportfachverbänden. Das kommt mir aktuell zu kurz.

Vereine und Kommunen, die einen Kunstrasen bauen wollen, sind berechtigterweise irritiert. Was raten Sie?

Drescher: Wir können aufklären, die Fakten auf den Tisch legen und alles in Relation setzen - sprich, die Angst nehmen. Wir müssen der Verunsicherung mit Fakten begegnen, und das machen wir Tag für Tag in Vereinen, Städten und Gemeinden. Wenn die EU ab 2022 ein Verbot für das Ausbringen von Granulat ausspricht, wird es einen Bestandsschutz geben. Davon gehe ich aus, denn in der Vergangenheit war es immer so. Selbst im unwahrscheinlichen Falle eines Verbots, könnten die bestehenden Plätze also weiterbetrieben werden. Ich kann mich nur wiederholen: Wer aktuell einen Kunstrasen baut, erfüllt höchste umwelttechnische Vorgaben, die alle Richtlinien bei weitem unterschreiten. Wir tun ja gerade so, als würden wir etwas Verbotenes tun. Bei uns geht es nicht um etwaige Nitrate, die beispielsweise in der Landwirtschaft zum Einsatz kommen und die selbst bei Einhaltung von Grenzwerten ins Grundwasser gelangen dürfen oder ähnliches. Wir müssen das alles in Relation setzen! Die bei uns eingesetzten Granulate entsprechen übrigens der Spielzeugnorm und unterliegen allerstrengsten Auflagen. Das wird alles bis ins Detail geprüft, Wir sind in der Pflicht, diese Nachweise auch zu erbringen.

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In Deutschland müssen strenge Richtlinen beim Granulat für Kunstrasenplätze eingehalten werden.

Gibt es keine Alternativen zum Kunststoffgranulat?
Drescher: Doch, aber auch hier bitte ich dann darum, den Umweltaspekt gründlich und vollumfänglich zu hinterfragen. Kork ist beispielsweise eine natürliche Alternative, die Rohstoffgewinnung ist aber aufwendig, Kork muss zudem nachwachsen - und auch das gehört zu einer ehrlichen Bilanz. Warum setzen Winzer beispielsweise auf Schraubverschlüsse oder Glas- bzw. Kunststoffkorken? Trotzdem hinterfragen wir uns ständig, stecken viel Geld in die Forschung und Entwicklung. Wir haben aktuell einen Kunstrasen auf den Markt gebracht, der gänzlich ohne Füllstoffe auskommt. Die ersten Plätze werden gerade gebaut, hier haben wir zeitnah Erfahrungswerte, um die Entwicklung weiter voranzutreiben. Fakt ist aber auch, dass bei allen neuen Technologien in den letzten Jahren immer weniger Füllstoffe eingebracht werden. Um es besser einordnen zu können: Die elastische Schicht verhindert, dass Granulat ins Erdreich gelangt. Was dann doch vom Platz getragen wird, gelangt größtenteils in Roste und Drainage-Rinnen am Spielfeldrand und kann so aufgefangen und entsorgt werden. In Summe müssen daher bei modernen Plätzen jährlich etwa nur noch 250 Kilogramm Granulat nachgestreut werden. In der Fraunhofer-Studie sind da Zahlen bis zu 4.000 Kilogramm zu finden. Zeigen Sie mir den Platzwart, der solche Mengen jährlich nachfüllt. Die von Fraunhofer in den Raum geworfenen Zahlen wurden aber nie tatsächlich gemessen, sie beruhen auf europaweiten Annahmen. Deshalb will Fraunhofer ja noch eine neue Studie starten, in der man etwas sorgfältiger zu Werke geht. Schließlich hat das Institut ja einen Ruf zu verteidigen.

Ansprechpartner:
Bei Fragen rund um den Bau von Kunstrasenplätzen stehen Ihnen die Experten von polytan mit Rat und Tat zur Seite! Wenden Sie sich an Klaus Drescher, Tel.: 09127/5772-78, E-Mail: klaus.drescher@polytan.de, Internet: www.polytan.de

 
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